Versuch, sich seinem scheidenden Chef zu nähern......lautet die Überschrift der Grußworte von Ulrich Grode, welcher
stellvertretend für das Kollegium der IKS sprach. Seine Worte waren
sicherlich einer der Höhepunkte der Veranstaltung, weshalb seine Rede im
Folgenden noch einmal nachzulesen ist.Lieber
Herr Rahn,
auch
im Namen des Kollegiums der Immanuel - Kant - Schule möchte ich mich
bei
Ihnen für die geleistete Arbeit ganz herzlich bedanken.
Meine
Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler ... ... Versuch,
sich seinem scheidenden Chef zu nähern.
Der
Wagen mit dem Kennzeichen KI - NV 233 glitt aus dem schläfrigen
Dunkel des Stadtwaldes über die Schienen des erleuchteten
Bahnübergangs und ordnete sich wie von selbst links ein, um am
Freibad abzubiegen. Von Sven Hasenclever hatte er sich während der
Fahrt informieren lassen, NDR info, „Wissen, was die Welt bewegt",
und wenn er erfuhr, wie mit Klima, Wirtschaft, Finanzen vielfach
umgegangen wurde, spürte er manchen Groll. 68er — Erinnerungen
wehten ihn an und vermischten sich mit der warmen Luft aus der
Wagenheizung; denn draußen war es kalt.
Bachstraße,
Mozartstraße, Immanuel Kant, 200 m weiter Beethoven, welche Namen!
Er aber dachte an Chopin, den er am Abend zuvor wieder einmal auf dem
Klavier zur Entspannung gespielt hatte und dessen Melodien ihn jedes
Mal beglückten. Diese leisen Töne lagen ihm mehr als das
ungebremste „Jauchzet, frohlocket..." eines Bach, der
Kirchenschiffe zum Beben bringen konnte.
Im
Schneeflockengestöber standen an der Einfahrt zum Lehrerparkplatz
ein paar rauchende Kolleginnen und Kollegen, wenige, den Mantelkragen
hochgeklappt oder unter die Kapuze gekrochen, geduckt, von einem Bein
aufs andere wippend, ein versprengtes Häuflein einer Welt von
Gestern, als Kinohelden, Schriftsteller, selbst Politiker auf
Bildschirmen oder Kinoleinwänden noch rauchen durften. Jetzt wirkten
sie wie zur Abschreckung postiert für eine Jugend, die morgenfrisch
und bildungshungrig der Schule zueilte; seht, so werdet ihr in der
Kälte stehen müssen, draußen vor der Tür, wenn ihr ...; er aber
verstand sie trotzdem, bis auf den Grund oder besser : bis auf den
Filter.
Als
er den Wagen abgestellt hatte, sah er : Die Schule lebte bereits.
Frau Christophersen empfing ihn auch heute mit Morgengruß und einem
Lächeln, das einen guten Tag verhieß. Sie hatte die Thermoskanne
mit dem Bio - Kräutertee bereitgestellt, dieser Traummischung aus
Pfefferminze, Fenchel, Melisse, Kamille, Anis und Zitronengras, die
durch den Tag trug. Er hatte sein selbst gebackenes Vollkornbrot
ausgepackt, dazu einen Apfel und eine Banane. Im hellen Licht der
Schreibtischleuchte lagen die Zettelchen mit den Terminen und
Aufgaben des Tages wohlgeordnet und klar strukturiert vor ihm. Mit
einem „Ich mach dann mal meine Runde..." ging er los.
Als
er das Büro seines Stellvertreters und Stundenplanmachers betrat,
schlug ihm ein leises Knurren entgegen. Eine stattliche Hündin,
Deutsch - Kurzhaar, lag zur Linken ausgestreckt auf einer Decke und
hatte wachsam, ihren Herrn warnend, den Kopf gehoben. „Ruhig,
Sisko", versuchte dieser zu besänftigen, „der darf hier
rein." Und weiter : „Guten Morgen, Jens, du kennst Sisko. Ich
musste sie heute mal mitnehmen, im Übrigen : sieben neue
Krankmeldungen." Eine Mischung aus Sorge, Schwermut,
Verzweiflung und Verdrießlichkeit glaubte er herauszuhören, sah
sich die Namen an, blickte auf den Bildschirm, auf das Farbenspiel
von Kästchen, Klassen und Kursen, dachte einen Augenblick an Chopin,
wie aus Krankheit, Chaos und Melancholie die schönsten Melodien
entstehen konnten, und überlegte, ob er dies Michael sagen und ihm
so Mut zusprechen sollte, beließ es dann aber bei einem
aufmunternden: „ Es wird schon, und dann : Ich bin ja auch noch
da."
Bevor
er den Raum verließ, um im Lehrerzimmer nachzusehen, warf er noch
einen Blick auf Sisko, die völlig ruhig und entspannt in ihrer Ecke
lag, mit sich und der Welt zufrieden. Er begriff, warum Michael sie
manchmal mitbrachte, zögerte allerdings; das Büro hatte etwas, das
die Nüchternheit einer Welt aus Krankmeldungen, Computer, Druckern
und Plänen überstieg, etwas Geheimnisvolles, Magisches. Oft schon
hatte er es wie jetzt gespürt. Im Hinausgehen fiel ihm wie zufällig
das Schild „Maul- und Klauenseuche" ins Auge; und an der Wand,
richtig, die Fledermaus; hing sie gestern nicht anders? War sie
wirklich ausgestopft? Er sah noch einmal zu Michael und Sisko.
Täuschte er sich oder zwinkerten sie ihm beide zu?
Als
er das Lehrerzimmer betrat und sein geräuspertes „Guten Morgen"
hineinwarf, kam ihm zwar von irgendwoher eine Antwort entgegen, aber
die meisten waren anderweitig beschäftigt.
Um
die kleine Kaffeemaschine herum bleiche, übernächtigte
Korrekturgesichter mit rotgeränderten Augen über schwarzen,
dampfenden Kaffee gebeugt; aus der rechten Ecke das Jürgenssche
Lachen; vor den bunten Blättern am Vertretungsbrett andächtiges
Schweigen, stilles Fluchen, ergebenes Seufzen. Durch den Raum
polterte fröhlich ein Altphilologe mit Kannen heißen Wassers,
füllte Teebeutel, entfachte Teelichter, eine Zeitschaltuhr plärrte
und es ward laut verkündet, das Getränk, den Lärm der Welt zu
vergessen, sei fertig.
Unwillkürlich
musste er an Rilkes Gedicht „Das Karussell" denken und die
Zeile „...und dann und wann ein weißer Elefant".
Eine
junge Kollegin kam strahlend auf ihn zu. „Schwanger?",
durchzuckte es ihn, während er instinktiv ihre Fächerkombination
nach Ersatzmöglichkeiten abklopfte und ihr ebenfalls
entgegenstrahlte. Sie habe gehört, so begann sie, EVA sei schon
wieder out, jetzt gehe es um ADAM. „Richtig", bestätigte er
erleichtert. EVA, so die Kollegin, bedeute ja eigenverantwortliches
Arbeiten. Wofür stehe dann ADAM? Das sei, so konnte er ihr erklären,
die Abkürzung für aktive Durchführung aller Möglichkeiten und
werde sicher auf dem nächsten Schulentwicklungstag mit der neuen
Schulleiterin ein zentrales Thema sein. Ob es stimme, so die
Kollegin, dass der neue Kultusminister, ein Mann, darauf gedrängt
habe, EVA durch ADAM abzulösen? „Honi soit qui mal y pense",
entgegnete er ihr leise mit einem zurückhaltenden Lächeln und
verdeutlichte noch einmal höflich, nein, er denke nicht, im Übrigen
werde EVA sicher in ADAM aufgehen, ein Teil ADAMs sein; aber
Genaueres wisse er auch nicht, brach ab, als er spürte, dass er sich
vom Schwangerschaftsgedanken nicht zu weiteren Vergleichen verführen
lassen sollte.
Die
junge Kollegin war vorerst zufrieden, zog den Mantel an, setzte die
Mütze auf, schnallte ihren Jack - Wolfskin - Rucksack um und machte
sich auf den Weg; denn der F-Trakt war weit.
Aber
auch bei anderen machte sich Aufbruchsstimmung bemerkbar. Er liebte
diesen Augenblick, diesen Moment letzter Konzentration im Geiste,
dieses Suchen und Ordnen auf den Tischen und in den Taschen, da sich
hier alles leerte, um sich dann in unzähligen Unterrichtsräumen zu
buntem Leben zu entfalten. Da ergriff ein Grauköpfiger eine alte
Geschichtskarte, um wie ein Don Quichote mit der Lanze in den
Unterricht zu stürmen, dort huschte ein Physiker kometengleich
hinweg, der nur mal kurz auf den Plan geguckt hatte, um sofort wieder
in die oberen Räume zu eilen, zu den Sternen; Sportler zogen mit
verhaltenem Muskelspiel und schweren Trainingstaschen Richtung
Sporthalle; ein markanter Philosophenschädel verbreitete um sich die
Aura des Erkennens, während sich Theologinnen in stiller Sanftmut
übten und bei den Referendarinnen in der Mitte noch fröhliches
Schnattern angesagt war, da eine mitgebrachte Vogelspinne manches
Grauen auf sich zog. Reifere Romanistinnen bewahrten Contenance und
die Lateiner warfen lieber einen ehrfurchtigen Blick in eine neu
gebundene Ausgabe der Briefe Ciceros ad familiäres aus dem Jahre
1759, das sei Kultur.
Im
Türrahmen erschien wie aus einer anderen Welt die Frühaufsicht,
schneebedeckt, mit roten Backen, in der Hand einen Zettel mit den
Namen der Schüler, die mit Schneebällen geworfen hatten, und den
angegebenen Klassenlehrern; aber das musste jetzt erst einmal warten.
Es
wurde ruhig, still. Sein Kollegium. Hatte er es geprägt? Sicher.
Liebte er es? Das war wohl zu stark. Er mochte es, fühlte sich wohl
inmitten dieser unterschiedlichen Persönlichkeiten. Der Schulleiter,
hatte er gelesen, sei ein Krisenmanager einer Firma im Dauerstress.
Viel zu technokratisch, dramatisch, ökonomisch, fand er. Hier ging
es doch um das Menschliche, das... Er erschrak, die Zeitschaltuhr im
Lehrerzimmer hatte das Licht gelöscht. Löblich, löblich, dachte
er, nun aber ans Tageswerk.
Dass
das Leben einer Baustelle gleicht, weiß heutzutage jeder; aber wenn
er über das Schulgelände schlenderte, meinte er, dieser Filmtitel
müsste hier entstanden sein. Gewiss, in den letzten Jahren waren
Sporthalle, Aula und Mensa hinzugekommen, war der B-Trakt mehrmals
aufgefrischt und stabilisiert worden, aber Turm, C-Trakt, die leere
Kunstfläche und dann der Schulhof, da blieb noch viel zu tun. Sauber
war alles, keine Papierreste, keine Tüten oder Taschentücher lagen
herum. Auch jetzt sah er eine wie vergessen wirkende Schar von jungen
Schülern mit Eimer und Zange, wie von unsichtbarer Hand gelenkt, mit
Argusaugen über das Gelände streichen. Aber es schmerzte ihn, dass
nicht mehr geschehen war. Denn für so etwas hatte er Sinn. Nicht
nur, weil er einst auch ein Architekturstudium in Betracht gezogen
hatte, sondern vor allem, weil er selbst es gern hatte, mit den
Händen zu arbeiten, zum einen zu töpfern, das Brot zu backen, Äpfel
zu entsaften, zu kochen, zum anderen aber auch zu malen, zu
tischlern, zu mauern. Dies alles war ihm hier verwehrt, war nicht
vorstellbar; aber „Schaun wir mal", dachte er, „vielleicht
kann ich heute noch das eine oder andere anstoßen."
Doch
auch dieser Tag ließ dazu nicht viel Raum. Alltag eines
Schulleiters. Was war geschehen? Das Menschliche ... Die junge
Kollegin, die in der Früh mit ihrem Jack - Wolfskin - Rucksack zum F
- Trakt aufgebrochen war, war dort nicht angekommen und blieb bis
Mittag verschollen. Don Quichote hatte mit der Karte einen Schüler
aufgespießt, der dann aber von Frau Christophersen erfolgreich
verarztet und dem Unterricht erneut zugeführt werden konnte. Die
Vogelspinne war während des Unterrichts abhanden gekommen, was eine
mittlere Panik in der Klasse ausgelöst, mehrere Mütter auf den Plan
gerufen und einen Anruf der örtlichen Presse ausgelöst hatte. Die
Vogelspinne war übrigens an mehreren Stellen gleichzeitig wieder
aufgetaucht und schließlich vom Hausmeister neben der Fledermaus
eingefangen worden, was diesem allerdings von Sisko übel genommen
und mit einer zerrissenen Hose vergolten wurde. Er hatte kurzzeitig
überlegt, ein totales Handyverbot in der Schule zu verhängen,
musste sich dann aber um die Referendarin kümmern, die sich um das
Seelenheil der Vogelspinne sorgte.
Ciceros
Briefe aus dem Jahre 1759 waren ebenfalls zeitweise verschwunden;
dies hatte Verdächtigungen in Richtung Neusprachler ausgelöst und
den Personalrat aktiv werden lassen, bis die Reinigungskraft, Frau
Fahse, sie am frühen Nachmittag unter den Kaffeefiltern, die in der
Tat eine ähnliche Farbe hatten, entdeckte und erneut der
Öffentlichkeit zugänglich machte. Ein Schneeballwerfer wies ein
Schneeballwurfzwangattest seines Psychologen vor, eine Krankmeldung
hatte sich im Laufe des Vormittags dann glücklicherweise doch als
Schwangerschaft entpuppt, eine Lehrerin für Religion beschwerte sich
in einem sehr persönlichen Gespräch, von einem Mitglied des
Kollegiums immer nur als „Betschwester" bezeichnet zu werden,
aus dem Ministerium kam die Aufforderung, für ADAM möge doch jede
Schule noch bis zum Ende des Halbjahres ein sehr konkretes Konzept
erstellen, das Bauamt teilte mit, mit dem Bau des neuen Kunsttraktes
könne aufgrund der Haushaltslage frühestens 2012 angefangen werden,
und ein bleicher Kollege hatte während eines Gesprächs, dessen
Anlass ihm zunächst gar nicht klar gewesen war, mit seinem Rotstift
lauter kleine Kuhlen auf seinen Schreibtisch gemalt, die er im
Nachhinein als Betten identifiziert hatte.
Am
Ende war alles gut geworden, zumindest hatte er Wege gefunden, die
weiterhalfen, Schule leben ließ.
Später
Nachmittag. Während der Wagen über die Schienen des erleuchteten
Bahnübergangs glitt und im frühen Dunkel des Stadtwaldes
verschwand, gingen seine Gedanken schon mal weiter, in den Sommer
hinein, dorthin, wo das Land zu Ende ist, ans Meer. Eine Stelle aus
den „Buddenbrooks" von Thomas Mann fiel ihm ein : „Was für
Menschen es wohl sind, die der Monotonie des Meeres den Vorzug geben?
Mir scheint, es sind solche, die zu lange und tief in die
Verwicklungen der innerlichen Dinge hineingesehen haben, um nicht
wenigstens von den äußeren vor allem eins verlangen zu müssen :
Einfachheit..."
Aber
soweit wollte er jetzt noch nicht denken, morgen war wieder Schule
und heute Abend ... zur Entspannung ... Chopin.
Neumünster,
28. Januar 2010 Ulrich Grode zurück zur Übersicht
|